Panoramafotografie Teil 01 – Einführung, Blickwinkel und Ästhetik

Ein modernes, digital erstelltes Panoramabild besteht aus mehreren Fotos, die mithilfe einer geeigneten Computer-Software bearbeitet und danach zu einem nahtlosen Panoramafoto zusammengesetzt werden. Das Panorama unterscheidet sich dabei erheblich von einem normalen fotografischen Bild. Die Tutorialserie beginnt mit den verschiedenen Formen, technischen Besonderheiten und ästhetischen Herausforderungen der Panoramafotografie.

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Hier ein Überblick über die Tutorials der Serie zur Panoramafotografie von Harald Woeste:

01 – Einführung, Blickwinkel und Ästhetik
02 – Multi-Shot-Techniken zur Kontrastbeherrschung
03 – Bildrichtig: Kameraeinstellungen und Objektivwahl
04 – Die Parallaxe: Leid des Panoramafotografen
05 – Der VR-Panoramakopf: Aufbau, Unterschiede, Vergleich
06 – Das perfekte Bild: Korrektur von optischen Fehlern
07 – Stitchen: oder was passiert eigentlich im PC?
08 – Von 3D nach 2D: Grundlagen der Projektion
09 – Rundum glücklich: Das Panoramaprogramm
10 – Panoramaprogramme Teil 2 und Vergleich

Panoramafotografie Teil 1 – Einführung, Blickwinkel und Ästhetik, Multi-Shot-Techniken und Sonderformen der Panoramafotografie

Einführung

Panoramabilder können auf verschiedenste Weise erstellt werden. Sie begegnen uns zuerst im ausgehenden 18. Jahrhundert als gemalte Rundgemälde und bald nach der Erfindung der Fotografie im Jahre 1839 als fotografische Panoramen, die zunächst noch mit normalen Kameras aufgenommen wurden. Mehrere einzelne Aufnahmen wurden gemacht, wobei die Kamera immer ein Stück weiter geschwenkt wurde. Anschließend beschnitt man die Abzüge und ordnete sie mehr oder weniger passend nebeneinander an. Diese Technik ist uns wohl allen als Schnibbel-und-Kleb-Panorama aus Opas Fotoalbum gut in Erinnerung. Man begann jedoch schon kurz nach der Erfindung der Fotografie, spezielle Panoramakameras zu konstruieren, die den großen Blickwinkel des Panoramas in einem Arbeitsschritt erzeugen. Bereits 1843 erreichte der Österreicher Josef Puchberger mit einer sinnreichen handbetriebenen Mechanik einen Bildwinkel von 150 Grad. Seit dieser Zeit wurde die Technik der Panoramafotografie stetig weiterentwickelt, neuerdings als moderne Digitalfotografie mit anschließender Bearbeitung am Computer. Der Panoramakünstler Yadegar Asisi mischt die verschiedenen Techniken und verbindet Malerei und Fotografie mit der Bildbearbeitung am Computer, um die weltgrößten Panorama-Kunstwerke zu schaffen, die den Betrachter auch heute noch einen Hauch jener Faszination spüren lassen, die die gemalten Panoramen im 18. und 19. Jahrhundert auf die Menschen ausübten. Ehemalige Gasometer in Leipzig und Dresden wurden zu Ausstellungsrotunden umfunktioniert und beherbergen die über 100 Meter langen und rund 30 Meter hohen Panoramabilder.

In der jüngst eröffneten Ausstellung “Amazonien” zeigt Asisi in Leipzig ein Panorama des Regenwaldes im wirklichkeitsgetreuen Maßstab 1:1. Durch Lichteffekte und die Einspielung von atmosphärischen Klängen werden die Besucher in die Illusion versetzt, sich wirklich auf einer Lichtung mitten im Regenwald zu befinden. Der Reichtum des Panoramas fasziniert und lädt den Besucher ein, intensiv zu sehen und immer neue Details zu entdecken (www.asisi.de). Dies ist aber nur ein Extrembeispiel und zeigt eine der vielfältigen kreativen Möglichkeiten, die die Panoramafotografie bietet. Gehen wir die Sache erstmal etwas grundsätzlicher an:

“Panorama” setzt sich zusammen aus den griechischen Begriffen pân (= alles) und hórama (= das Sehen, das Geschaute, die Erscheinung, der Anblick) und steht demnach für die All-Ansicht, Rundschau oder Rundumsicht. Ein Panorama, das einen Bildwinkel von 360 Grad abdeckt, nennen wir treffend Rundbild. Verwirrenderweise ist der Begriff “Panoramafotografie” unter den Fotografen nicht (mehr) eindeutig definiert. Auch wenn er ursprünglich einen Rundumblick von 360 Grad bezeichnet, existiert er genauso als Beschreibung eines Breitwandbildformates, typischerweise im Seitenverhältnis von 1:2 bis 1:3. Ein Panoramafoto muss demzufolge nicht zwangsläufig einen großen Blickwinkel zeigen, sondern es kann sich bei der Ausgangsaufnahme sowohl um eine Tele- als auch um eine Weitwinkelaufnahme handeln, die beispielsweise für die Wiedergabe lediglich oben und unten beschnitten wurde. Häufig werden jedoch auch Sonderformen wie z.B. Gigapixelbilder aufgrund der ähnlichen Herstellungsweise als Panoramen bezeichnet, auch wenn sie nur wie ein normales (hochauflösendes) Foto aussehen.

Der Blickwinkel

Das menschliche unbewegte Auge erfasst einen Blickwinkel von ca. 50 Grad horizontal, durch ständige unwillkürliche seitliche Augenbewegungen wird aber real ein Winkel von ca. 140 Grad erfasst – es handelt sich quasi um einen ständigen Abtastvorgang des Auges.

Die besondere Wirkung einer flächigen, in 2 Dimensionen präsentierten 360-Grad-Panoramafotografie auf den Betrachter ist der mit einem Blick erfassbare irreale Rundumblick, welcher in der Realität nie so zusammenhängend gleichzeitig (!) gesehen werden kann – der Mensch hat ja hinten keine Augen im Kopf. Wirkliche Rundbilder zeichnen sich aber nicht nur durch ihren großen Blickwinkel, sondern vor allem auch durch ihre eigene ästhetische Erscheinung mit den charakteristischen kurvenförmigen Verzerrungen bei ihrer Präsentation als 2-dimensionales ebenes Bild aus. Drei Gedankenmodelle helfen hier, um sich den Besonderheiten und technischen Problemen der Panoramafotografie zu nähern:

I. Die Glasscheibe
Stellen Sie sich eine senkrecht stehende Glasscheibe im Abstand von einer Armlänge vor Ihnen vor. Auf dieser malen sie alles auf, was Sie durch die Scheibe sehen können, ohne aber Ihren Standpunkt zu verändern oder sich zu drehen. Das ist im Prinzip das Beispiel für die Arbeitsweise der traditionellen Fotografie. Sie erzeugen ein planes 2-dimensionales Bild genauso wie eine Kamera auf den eingelegten Film oder Speicherchip. Da sowohl die Glasscheibe als auch der eigene Standpunkt fix sind, können Sie selber auch bei äußerster Vergrößerung der Glasscheibe nie das malen, was seitlich oder gar hinter ihnen liegt. Der real nutzbare Blickwinkel liegt lediglich bei ca. 120 Grad!

II. Der Glaszylinder
Jetzt stehen Sie mittig in einem Glaszylinder und können sich beim Malen um Ihre eigene Achse drehen – Ihr Blickwinkel beträgt jetzt 360Grad in der Horizontalen und entspricht damit den klassischen Ausstellungsrotunden der Panoramagemälde. Durch die begrenzte Höhe fehlt auch hier das Oben und Unten, sie haben einen real nutzbaren vertikalen Blickwinkel von ca. 120 Grad wie im Beispiel I.

III. Die Glaskugel
Hier stehen Sie mittig in einer Glaskugel und können nun alles, was Sie vor, hinter, über und unter sich sehen, auf die Glaskugelwand malen, wenn Sie sich noch zusätzlich im Ihre eigenen Achse drehen. Ihr Blickwinkel beträgt horizontal 360 Grad wie im Glaszylinder, vertikal jetzt aber volle 180 Grad!

Die Kamera

Herkömmliche Kameras, gleich ob analog oder digital, erzeugen ein planes Bild wie unter I. im Glasscheibenbeispiel beschrieben. Spezialkameras, die sich um ihre eigene Achse drehen und dabei synchron den Film transportieren oder Kameras, bei denen während der Aufnahme das Objektiv um den bogenförmig geführten Film geschwenkt wird, entsprechen dem Verfahren II – dem Glaszylinder. Für das kugelförmige Bild müsste also in der Theorie ein kugelförmiger Film innerhalb eines kugelförmigen Objektives belichtet werden, eine technische Unmöglichkeit.

In der modernen digitalen Panoramafotografie werden von einem fixen Punkt aus mit einer normalen Kamera reihum sich überlappende Aufnahmen gemacht bis hin zur Senkrechten nach oben bzw. Lotrechten nach unten. Die “Kugelabbildung” wird dann später durch genaues Anordnen und Montieren dieser vielen neben-, über- und untereinanderliegenden Bilder im Computer geschaffen. Diese Montage erfolgt mithilfe spezieller “Stitch-Software” bzw. auch mit der klassischen Bildbearbeitungssoftware, die zum Teil auch diese Funktion(en) bereits integriert hat.

Die Ästhetik

Kameras mit feststehendem Objektiv erzeugen unabhängig vom Format ein gewohntes planes 2-dimensionales Bild, in dem Geraden auch als Geraden wiedergegeben werden; dies wird häufig als rektilineares (geradliniges) Bild bezeichnet. Kameras mit Schwenkobjektiv oder Rotationskameras erzeugen ein Rundbild, in welchem jede Gerade mit Ausnahme aller senkrechten Geraden und der Horizontgeraden kurvenförmig verzerrt dargestellt werden.

Das Schöne ist: Der digitale Produktionsprozess zeigt sich äußerst flexibel, sodass in Abhängigkeit vom Blickwinkel die ganze Spannweite vom geradlinigen Bild im Breitwandformat bis zum kurvenförmig verzerrten Rundum-Kugelbild aus dem gleichen Ausgangsmaterial generiert werden kann.

Sonderformen der Panoramafotografie

Der eigentlichen Idee des Panoramas, die Umgebung für den Betrachter direkt erlebbar zu machen, entsprechen interaktive Panoramen zur Betrachtung am Bildschirm am ehesten. Mithilfe von QuickTime oder einem Flash-basierten Player kann das aktuelle Blickfeld durch den Betrachter interaktiv mit Computermaus und Tastatur als Steuerung in alle Richtungen und zusätzlich auch in der Größe durch Ein- und Auszoomen verändert werden. Durch diese interaktive Darstellung wird bei dem Betrachter der Eindruck erweckt, sich selbstständig in Räumen oder Landschaften um 360 Grad drehen sowie seinen Blick nach oben und unten schweifen lassen zu können. Grundlage für das interaktive Panorama bildet z.B. ein Zylinder- oder Kugelpanorama, das dann beim Betrachten am Bildschirm allerdings wieder vollkommen natürlich wirkt; die Verzerrungen der flachen 2-dimensionalen Wiedergabe (als Papierbild) heben sich auf. Das Bilderlebnis ähnelt dem Betrachten eines Rundbildes in einer Rotunde. Eine Sonderform der Panoramafotografie ist das Linearpanorama. Es handelt sich hierbei im Grunde um ein abschnittsweises Scannen des Aufnahmeobjektes. Die Kamera wird exakt parallel zum Objekt verschoben und die entstandenen Aufnahmen später aneinandergesetzt. Auch hier werden die einzelnen Bilder durch Stitchen zusammengefügt. Dieses Verfahren wird auch Repositionierungs- oder Parallelverschiebungsverfahren genannt. Die Technik des Stitchens wird auch bei der konventionellen Fotografie verwendet, ohne dass besondere Bildformate geschaffen werden. Beispielsweise werden in der Landschaftsfotografie gerne hochauflösende Bilder aus mehreren Einzelbildern gestitcht, um die Verwendung von speziellen Großformatkameras oder Panoramakameras zu vermeiden. Im wissenschaftlichen Bereich werden mittlerweile ultrahochauflösende Bilder zu Dokumentationszwecken erstellt, wie das 16-Gigapixel-Abbild vom letzten Abendmahl von Leonardo da Vinci, das aus 1677 Einzelaufnahmen im Format 172.181 x 93.611 Pixel zusammengesetzt wurde (www.haltadefinizione.com).

Vorschau

Im nächsten Teil wird es um die dem Stitchen verwandten Techniken gehen, also um die Beantwortung der Fragen: Was sind HDR-Bilder, was ist Exposure Fusion, Exposure Blending und Focus Stacking und wo stehen sie im Kontext der Panoramafotografie?

Links

Asisi-Panometer: www.asisi.de – Panoramainstallationen von Yadegar Asisi in ehemaligen Gasometern von Leipzig und Dresden Panorama Museum Bad Frankenhausen: www.panorama-museum.de – Werner Tübkes 123 x 14 Meter großes Monumentalgemälde “Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”.

Über den Autor:

Harald Woeste fotografiert, seit er 8 ist, studierte Ökonomie in Wuppertal, arbeitete mehrere Jahre in England und kehrte schließlich nach Deutschland zurück, um an der ältesten Kunsthochschule Europas, der Universität der Künste in Berlin, ein Designstudium zu absolvieren. Heute arbeitet er frei im journalistischen und künstlerischen Bereich und verbindet Fotografie, Ökonomie und Design zu InformationsDesign und FotoGrafik.

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